Ausschreibung gewonnen und „Territori del vino e del gusto“ wirbelt alles durcheinander – HPs sardisch-kulinarisches Tagebuch Juni/Juli 2017

PERSÖNLICHE ERLEBNISSE UND GEDANKEN DES HERAUSGEBERS DIESER WEBSITE HANS-PETER (HP) BRÖCKERHOFF

Dieses Tagebuch hätte eigentlich schon vor zwei Wochen abgeschlossen werden müssen. Aber dann kamen die sieben Veranstaltungen unter dem Motto „Territori del vino e del gusto“ dazwischen, und es blieb keine Zeit Zusammenstellen der Tagebucheinträge, zum Überarbeiten und zum Hinzufügen der Bilder. Ich hatte einfach alle Hände voll für die Vorbereitung und Durchführung der sieben Veranstaltungen zu tun. Das Tagebuch umfasst deshalb den Zeitraum von Anfang Juni bis Mitte Juli.

5. Juni

Die Ausschreibungsunterlagen sind fertig.

Unsere Bewerbung für die kommunikative Begleitung der Aktion „Territori del vino e del gusto“ (frei übersetzt „Orte voller Wein und Genuss“) geht heute am Pfingstmontag (in Italien ist kein Feiertag) raus. Es geht um sieben Veranstaltungen (siehe Mai-Tagebuch) an verschiedenen Orten auf der Insel, bei denen die heimischen Produkte, die Küche und die gesamte kulinarische Welt Sardiniens der Öffentlichkeit vorgestellt werden sollen. Meine Aufgabe dabei: die Einladung und Betreuung deutschsprachiger Journalisten, Touristikfachleute und Einkäufer sardischer landwirtschaftlicher Produkte. Wäre schön, wenn wir den Auftrag bekämen.

9. Juni

Wir haben den Auftrag!

Die Kommission hat sich für uns, eine Kommunikations-Agentur in Cagliari und mich, entschieden! Jetzt kann es losgehen. Der Zeitrahmen ist mehr als eng, denn schon in zwei Wochen soll die erste Veranstaltung stattfinden. Ob ich bis dahin die gewünschte Anzahl an Journalisten, Touristikfachleuten und Einkäufern zusammen bekomme? Ich bin skeptisch.

12. Juni

Nochmals Terminänderungen

Die Einladungen an ca. 200 deutschsprachige Journalisten und Redaktionen im Bereich Food und Wein sowie an viele Touristikunternehmen und Importeure sind mittlerweile raus. Und dann kam heute die Nachricht aus Cagliari, dass das erste Event vom 23. Juni auf den 7. Juli verlegt wurde. Es geht also „erst“ am 30. Juni mit der ersten Veranstaltung los in Baunei. Ein wenig zeitliche Entspannung bringt das schon. Aber andererseits: Ich muss morgen alle Einladungen nochmals versenden – mit den neuen Terminen. Ich sehe die Terminänderung also mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

25. Juni

Erst Bier zu Meeresfrüchten und dann auch noch ein köstliches gekochtes „Maialetto sardo“

Die Verlegung der ersten Veranstaltung hat mir ein „freies“ Wochenende beschert – und damit zwei unerwartete kulinarischen Erlebnisse:

  • Kräftiges, dunkles und sehr bitteres Bier zu Malluredus mit geräucherter Meeräsche. Passt wunderbar.

    Am Freitagabend hatte Slow-Food Oristano zu einer Verkostung von handwerklich hergestelltem Bier vom Birrificio BAM aus Mogoro eingeladen. Diese Verkostung fand in Torregrande auf der Terrasse eines kleinen Sommerrestaurants direkt am Strand statt. Zu den Bieren gab es typische Speisen aus der Gegend, also Fisch und Meeresfrüchte. Für mich überraschend, wie gut die Biere zu den Gerichten passten, zu denen man eigentlich einen guten Weißwein servieren würde.

  • Das zweite kulinarische Erlebnis war ein Abendessen gestern Abend bei sardischen Freunden. Wie immer kam wieder einer Vielzahl von leckeren sardischen Gerichten
    Gekochtes Milchschweinchen auf Myrtenblätter. Eine unerwartet Delikatesse.

    auf den Tisch. Ein Gericht jedoch war besonders lecker: ein gekochtes Milchschweinchen (porceddu bzw. maialetto), das nach vierstündiger Kochzeit, noch heiß, aber schon in Stücke geschnitten, auf Myrtenblätter gelegt worden war. Nachdem das Fleisch einigermaßen abgekühlt war, waren die „verbrauchten“ Myrtenblätter durch frische ersetzt und alles für 24 Stunden zum Durchziehen an einen kühlen Ort gestellt worden. Das Fleisch wurde kalt gegessen, und es schmeckte köstlich.

Ab morgen geht es wieder an den Schreibtisch, um mit den eingeladenen Teilnehmern zu telefonieren und zu mailen. Und dann steht schon die erste Veranstaltung an. Es geht nach Baunei an der Ostküste.

2. Juli

Ein kulinarischer Sommer der Sonderklasse hat begonnen

Die erste Veranstaltung ist gut gelaufen. Die Stände, an denen sich die Winzer und Produzenten der Gegend präsentierten und ihre Produkte zur Verkostung anboten, waren gut besucht. Und auch die Stimmung hätte besser nicht sein können – trotz der Regentropfen, die am Abend immer wieder mal vom Himmel fielen. Man konnte die Produkte auch direkt vom Erzeuger kaufen. Ich habe davon reichlich Gebrauch gemacht. Fantastisch fruchtiges Olivenöl, sehr ausgewogener Ziegenkäse, Honig vom Johannisbeer-Baum (Carrubo), der fast so bitter schmeckt wie der Corbezzolo-Honig, in Baunei gebrautes Bier und ein Myrten-Sirup sind in meiner Einkaufstasche gelandet. Dazu noch eine Flasche des weiß ausgebauten Cannonau „Leila bianco“ aus der Cantina Alberto Loi, dem Wein, der beim mittäglichen Degustationsmenü so sehr überzeugt hatte.

Dieses Degustations-Menü für die eingeladenen Journalisten, Reiseveranstalter und sonstigen Meinungsbildner war das kulinarische Highlight des Tages. Es war von Clelia Bandini zusammengestellt und zubereitet worden. Sie hat im nahen Arbatax ihr Restaurant und gehört  als einzige Frau zum erlesenen Club der sardischen Spitzenköche „Cuochi per l’isola“. Bandini hatte elf Gänge vorbereitet, die jeweils Produkte der Gegend als Basis hatten. Hohe Kochkunst und Kreativität bringen die Ursprünglichkeit und Güte der sardischen landwirtschaftlichen Produkte zur Geltung. Wirklich ein fantastischer Genuss. Wenn das so weiter geht bei den nächsten sechs Veranstaltungen (bei denen es auch immer wieder solche Degustationsmenüs geben wird), dann erlebe ich einen kulinarischen Sommer hier auf Sardinien, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Spitzenköchen Clelia Bandini hat eine Auster aus der Austernzucht im nahen Tortolì mit ihrem eigenen Sud in ein krokantes, frittiertes Bällchen aus Mandelsplitter gezaubert und der Soße noch einen Hauch von Apfel hinzu gefügt. Herrlich!

Zwischen Degustations-Menü und der Abendveranstaltung für große Publikum (s. oben) gab es noch einen kleinen Workshop. Die Veranstalter hatten mich gebeten, ebenfalls einen kleinen Vortrag zu halten. Zum Glück war es nicht das erste Mal, dass ich auf Italienisch vor einer größeren Zuhörerschaft sprechen musste. Habe versucht, die Frage, wie Sardinien stärker auch für den kulinarischen Tourismus interessant werden kann, aus dem Blickwinkel eines deutschen Paares zu betrachten, das gerne eine kulinarische Reise nach Italien machen möchte und dabei – normalerweise – zuerst an die Toskana, an das Piemont oder an andere italienische Regionen denkt und nicht sofort an Sardinien. Und dann habe ich über die Aufgabe, das Image Sardiniens als Genussregion zu verbessern, geredet. Ich denke, meine Botschaften sind angekommen. Zumindest wurde ich von mehreren der Zuhörer (sardische Experten aus Politik, Tourismus und Landwirtschaft) nachher angesprochen und aufgefordert in die vorgetragene Richtung weiter zu denken und zu arbeiten.

7. Juli

Roberto Serra setzt die Folge von Degustations-Menüs der Spitzenklasse fort
Kalbszunge mit Kapern un Petersilie, das köstliche Gericht von Roberto Serra erinnert daran, dass in sSardinienauch die „unedlen“ Teil der Tiere gerne gegessen werden.

Auch Nuoro ist gut gelaufen. Hier hat Roberto Serra, dessen Restaurant „Su Carduleu“ in Abbasanta zu den besten der Insel gehört, das Menü zubereitet. Es war wieder fantastisch. Alle Teilnehmer waren hochzufrieden bis begeistert. Zu Recht!

Dann gab es wieder einen Workshop. Dieses Mal war die Landesministerin für Tourismus , Barbara Argiolas, mit auf dem Podium. Engagiert sprach sie auch die Probleme an, die Sardinien zu lösen hat, wenn es sich nicht nur als Badeinsel sondern auch als Genussregion präsentieren und dadurch auch den Tourismus außerhalb der Sommermonate fördern will.

Auf dem Podium beim Workshop in Nuoro (von rechts: Andrea Soddu, Bürgermeister von Nuoro, Carlo Marcetti, Ökonom, Barbara Argiolas, Ministerin (Assessore) für Tourismus der Region Sardinien, Antonio Rojck, Journalist der RAI und Moderator der Runde, Paolo Manca, Präsident der „Strada del Vermentino di Gallura“, Maria Ibba, Generaldirektorin von LAORE, und ganz links ich selbst in der Funktion als Herausgeber von www.sardinien-auf-den-tisch.eu
Zahlreiche Weine aus ganz Sardinien standen zur Verkostung bereit.

Die Verkostung am Abend schließlich war fast noch ein größerer Erfolg als in Baunei. Die historische Altstadt, das Wetter, die große Zahl an der besonderen Weine und Produkte – all das trug zum Erfolg bei. Die vielen Besucher haben es genossen und wirkten sehr zufrieden.

 

 

 

9. Juli

Petza imbinada, in Wein mariniertes Schweinefleisch, modern interpretiert vom Spitzenkoch
Roberto Petza liebt die Produkte seiner Heimat. Hier gibt er den Gästen vom Casizzolu del Montiferru zu kosten.

Der „Chef“, wie in Italien die Spitzenköche genannt werden, des Carduleu, Roberto Serra, hat heute nochmals seine Professionalität bewiesen. Einer der deutschen Journalisten, die seine Kochkunst in Nuoro kennen gelernt hatten, will ein Portrait von ihm für seine Zeitschrift machen. Obwohl sein Restaurant gut gefüllt ist und er in der Küche gut zu tun hat, ist Serra sofort bereit, uns heute am Sonntag im Restaurant zu empfangen. Er bereitete vor unseren Augen ein traditionelles Gericht aus seiner Kindheit, Petza imbianda, in moderner Form zu. Ich bin schon gespannt auf das Porträt! Und natürlich wird – sobald es erschienen ist – auf dieser Website darauf hingewiesen.

14. Juli

Heute Abend waren auch viele deutsche Stimmen zu hören
Chefköchin Clelia Bandini freut sich, dass es den Gästen Geschmeckt hat. Recht neben ihr. Der Sommelier Giuseppe Carrus, der die Weine für das Menü zusammengestellt und den Gästen vorgestellt hat.

Die dritte Veranstaltung fand heute in Orosei an der Ostküste statt. Und wieder war es ein großer Erfolg. Das Degustation-Menü, nochmals von Clelia Bandini zubereitet – ohne sich ein einziges Mal zu wiederholen – war wieder exzellent. Und der Abend war ein Publikumserfolg. Unter anderen waren auch viele deutschsprachige Touristen, die zurzeit dort ihren Urlaub verbringen, auf dem kleinen abendlichen Fest. Ich habe mit einigen gesprochen. Sie waren zufrieden und erstaunt, wie viele gute Weine die Insel zu bieten hat. So soll sein! Das ist der Sinn dieser Veranstaltungen. Vielleicht kommt der eine oder andere dieser Touristen ja mal außerhalb der Badesaison, im Frühjahr oder Herbst, wieder, um die vielen Köstlichkeiten der Insel zu genießen.

Nicht nur Wein und Delikatessen aus der Region wurden geboten, es gab auch viel Musik und Tanz.

 

Text und Fotos: Hans-Peter Bröckerhoff

Foto des Podiums Workshop Nuoro: Bruno Atzori

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