Cannonau – der einst wilde und raue Rotwein hat sich seinen Platz unter den internationalen Spitzenweinen erobert

c) 2015 Regione Autonoma della Sardegna

Der Cannonau ist der wichtigste Rotwein Sardiniens. Er ist mit ca. 30 Prozent der gesamten sardischen Weinerzeugung nicht nur der am häufigsten produzierte, sondern auch der Wein, der mehr als jeder andere mit Sardinien verbunden wird. Er wird auf der ganzen Insel (auf 7600 Hektar) angebaut, mit einem Ertrag von ca. 90000 Hektoliter. Das Zentrum des Anbaus legt dabei im bergigen Inland, insbesondere in den Provinzen Nuoro und Ogliastra. Der Cannonau ist unter der Bezeichnung Cannonau di Sardegna als DOC (Denominazione di Origine Controllata, kontrollierte Ursprungsbezeichnung) anerkannt. Unterbezeichnungen sind: Capo Ferrato (Provinz Cagliari), Jerzu (Provinz Oliastra) und Nepente di Oliena (Provinz Nuoro).

Der Cannonau ist ein kirsch- bis rubinroter, kräftiger, teils schwerer Wein, der früher oft sehr wild und rau daherkam. Heute wird er mit moderner Kellertechnik und önologischem Geschick in der Regel gezähmt und meist zu runden, gut strukturierten, sehr guten, teils sogar hervorragenden Tropfen verarbeitet.

Sehr guten Cannonau findet man heute in vielen sardischen Kellereien – teils pur, teils als Cuvè mit anderen heimischen Sorten.

Ein seit Jahren international angesehener und mit Preisen überhäufter Cannonau ist der Turriga von der Cantina Argiolas im Süden Sardiniens. Er besteht zu 85 Prozent aus Cannonau und ist mit drei weiteren Sorten (Carignano, Bovale und Malvasia nera) verschnitten. Unter den bestbewerteten sardischen Weinen in den großen italienischen Weinführern sind Cannonau-Weine seit langem in großer Zahl zu finden. Ein Blick in die Gewinnerlisten 2016 der sechs wichtigsten Weinführer zeigt das. Diese Weine sind allerdings nur die Spitze des Eisberges (um ein für Weine vielleicht nicht ganz passendes, die Situation aber  recht gut beschreibendes Bild zu nutzen). Denn es gibt zunehmend häufiger sehr hochwertige Weine aus der Cannonau-Rebe, die oft auch noch recht erschwinglich sind. Schon für zehn bis 15 Euro (Preise beim Einkauf zuhause, auf der Insel sind die Weine natürlich etwas günstiger) kann man sehr hochwertige Produkte erstehen. Und einen guten Cannonau, der vielleicht nicht zu Begeisterungsstürmen führt, aber doch ein zufrieden stellender Essensbegleiter ist, gibt es auch schon für weniger als zehn Euro.

grenaches_du_monde_2016_risultati
Beim dem internationalen Wettbewerb der Grenaches-Weine (Canonau ist der sardische Name der weit verbreiteten Rebe) konnten die sardischen Vertreter 2016 insgesamt 13 Medaillen mit nach Hause nehmen. Die Verkostungsveranstaltung des Wettbewerbs wird im Jahre 2017 in Sardinien stattfinden.

Die Rebe ist auch weltweit stark verbreitet und wird teilweise in großen Mengen angebaut, insbesondere in Spanien, wo sie Garnacha heißt, und in Südfrankreich, wo sie den Namen Grenache trägt. Hier, genauer in Perpignan, findet seit 2013 jährlich eine internationale Grenache-Verkostung und -Prämierung statt, die den Titel „GRENACHES DU MONDE“ trägt. Die sardischen Cannonau machen dort von Anfang an ein gute Figur. Im ersten Jahr gab es drei Goldmedaillen, eine davon sogar eine Gran Medaglia d’Oro, die zur Überraschung der Fachwelt an einen Wein ging, der deutlich weniger als 10 Euro kostet (Sartiglia, Cantina Contini). In den beiden Folgejahren konnten die sardischen Winzer jeweils sechs Goldmedaillen mit nach hause bringen. Die Spitzenergebnisse der 2016er Verkostung (insgesamt 13 Medaillen) sind auf dieser Website dokumentiert.

Bisher ging man davon aus , dass die Cannonau-Rebe im 15. Jahrhundert von den Spaniern auf die Insel gebracht wurde. Mittlerweile aber scheint es fast sicher zu sein, dass die Cannonau-Rebe (wie auch die Rebe des Vernaccia di Oristano) vor mehr als 3000 Jahren in Sardinien entstanden ist. Für diese These sprechen mehrere Funde von Weintrauben-Kernen und deren Analysen. Eine ausführliche und gründliche Aufbereitung dieses Themas finden Sie (leider nur in italienischer Sprache) hinter diesem Link.

Diese neuen Erkenntnisse lassen die Entwicklungsgeschichte und die Verbreitung der weltweit so erfolgreichen Rebe in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Offensichtlich haben die Spanier die Rebe nicht nach Sardinien gebracht sondern von dort mitgenommen. Wofür übrigens auch spricht, dass erste schriftliche Erwähnungen der Garnacha-Traube in Spanien erst im 18. Jahrhundert zu finden sind.

Hauptsächlich wird der Cannonau als trocken ausgebauter Rotwein getrunken. Aber es gibt ihn auch als Rosè und als sehr schweren Süßwein aus spät gelesenen überreifen Trauben. Die trockene Variante des Dessertweins (weniger als 10 Gramm Restzucker) kann bis zu 18 Prozent Alkohol entwickeln. Letzterer Wein, der vor allem in der Gegend um Oliena produziert wird und im normalen Handel selten zu finden ist, hat manchmal eine phantastische Qualität, kann aber auch enttäuschen. Wenn man ihn angeboten bekommt (wie es dem Autor bei Ausflügen ins Inland der Insel und bei Besuchen bei sardischen Freunden mehrfach passiert ist), sollte man ihn auf jeden Fall probieren. Eine Erfahrung ist es so oder so.

Dass der Cannonau als klassischer Rotwein ein idealer Begleiter zu vielen Gerichten der sardischen Küche ist, weiß jeder, der schon einmal auf der Insel war und dort im Restaurant oder einem Agriturismo Fleischgerichte gegessen hat. Er passt zum Beispiel gut zu allen dunklen Fleischsorten, traditionellen Grillgerichten, Wild, vielen Eintöpfe und natürlich zu gereiftem Pecorinokäse. Als Rosè wird er zu vielen Vorspeisen, zu Pasta-Gerichten mit Fleischsaucen, zu hellem Fleisch und teils auch zu Fisch getrunken. Und als Süßwein passt er zu Mandeln und Nüssen, kandierten Früchten, getrockneten Feigen oder süßem Gebäck.

PS:

  • Fast alle Läden und Onlineshops, die auf dieser Website vorgestellt werden, sowie viele Online-Weinhändler führen Cannonau di Sardegna. Manchmal findet man ihn auch im heimischen Einzelhandel. Sogar Aldi hatte vor gar nicht so langer Zeit eine Aktion mit Cannonau, der zwar nicht mit den guten Markenweinen von der Insel mithalten konnte aber durchaus trinkbar war.
  • „La Strada del Vino Cannonau“ ist eine Initiative von Organisationen, Kellereien, Restaurants, Hotels und Museen etc., deren Ziel es ist, interessierten Reisenden den Cannonau in seiner ganzen Vielfalt direkt vor Ort vorzustellen. Auf der Website werden für diejenigen, die sich im Inselinneren auf kulinarische Entdeckungsreise begeben möchten, Reisevorschläge gemacht und vielfältige Informationen gegeben (leider nur in italienischer Sprache).
  • In einem sehr schönen kleinen Dokumentarfilm wird gezeigt, wie Cannonau im Familienverbund hergestellt wird.

Text: Hans-Peter Bröckerhoff
Bild: Sardegna DigitaLibrary, c) Regione Autonoma della Sardegna

Zur Newsletteranmeldung

1 Kommentar

  1. Toller Beitrag, vielen Dank! Auch der Hinweis auf die neuen Erkenntnisse bezüglich seiner Geschichte haben Sie vortrefflich recherchiert. Ich selber bin Öbologie und stamme von Sardinien ab. Ich beschäftige mich schon viele Jahre mit den sardischen Rebsorten. Im Übrigen haben die von Ihnen beschrieben Erkenntnisse bezüglich der Herkunft auch dazu geführt, dass die Universität Sassari einen Gentest machte und somit die Verwandtschaft zwischen Cannonau und Grenache in ein neues Licht gerückt. Die beiden Rebsorten sind nicht zu 100% gleich, wie man früher vernutetet, sondern lediglich zu ca. 80%.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.