„Kleine Langusten wachsen“ – eine Erfolgsgeschichte, die Mut macht

Von März bis August können auf Sardinien wieder Langusten gefangen und gegessen werden. Die halbjährige Schonzeit ist vorbei. Ein schlechtes Gewissen muss heute keiner mehr haben, wenn er sich ab und zu einmal Langusten schmecken lässt. Denn die Langustenpopulation an den sardischen Küsten wächst wieder – nicht zuletzt wegen eines sehr erfolgreichen Schutz- und Förder-Projektes einer kleinen Fischerkooperative in Su Pallosu an der Westküste, von der auch das Video (auf Italienisch) oben erzählt.

„Früher konnte man Langusten mit ein wenig Geschick sogar mit bloßen Händen aus dem Meer holen – so viele gab es hier bei uns.“ Das erzählen ältere Fischer an der Westküste Sardiniens gerne. Aber es schwingt auch ein wenig Wehmut mit, wenn sie von dem Reichtum ihrer Küste, den großen Mengen von Langusten, reden. Denn dieser Reichtum ist Vergangenheit. Die einheimischen, besonders leckeren Langusten sind in den letzten Jahrzehnten rar geworden und damit auch teuer. Was früher auch bei weniger wohlhabenden Leuten auf den Tisch kam und wofür es in der sardischen Küche vielfältige Zubereitungsarten und Rezepte gib, wurde zur Speise für Besserverdienende oder Menschen mit besonders guten Beziehungen zu den noch verbliebenden Langustenfischern. Aber es gibt Hoffnung auf einen Wandel.

Dieser Wandel, die Wiederbelebung des Bestandes, geht von einer kleinen Fischerkooperative in Su Pallosu in der Provinz Oristano aus. Hier sind in den letzten Jahren die Bestände wieder vervielfacht worden. Von hier ist eine Erfolgsgeschichte zu berichten, wie sie heute leider viel zu selten zu hören ist.

Maßlose Überfischung der Langustenbestände hatte in den Siebziger-Jahren des letzten Jahrhunderts zu einem Einbruch der Bestände vor den sardischen Küsten geführt.

Dabei hatten viele sardische Fischer selbst kräftig mitgewirkt. Einmal weil sie den gut zahlenden, meist französischen und japanischen Händlern die besonders beliebten sardischen Langusten massenhaft zuführten und dabei viel mehr aus dem Mehr entnahmen als in den Jahrhunderten zuvor, als es nur um den Eigenverbrauch und die Bedienung heimischer Märkte ging. Und zum anderen führte der zunehmende Mangel an Langusten dazu, dass selbst viel zu kleine und auch Rogen tragende weibliche Tiere dem Meer entnommen und (auf dem Schwarzmarkt) verkauft wurden.

In dieser Situation kam Gianni Usai in den Neunziger-Jahren des letzten Jahrhunderts vom „continente“, wie die Sarden das italienische Festland nennen, in seine Heimat zurück. Er hatte viele Jahre bei Fiat gearbeitet und wollte jetzt versuchen, so sein Traum, mit und vom Meer zu leben. Mit einigen Fischern in Su Pallosu, einem kleinen, zur Gemeinde San Vero Milis gehörenden Küstenort, gründete er ein Kooperative und entwickelte seine Idee von der zur Wiederbelebung der Langustenbestände. Er wandte sich auch an die Universität Cagliari, wo er die wissenschaftliche Unterstützung für sein Vorhaben fand. So konnte das Projekt starten. Es hatte das Ziel, das Meer nicht mehr als unerschöpfliche Ressource anzusehen, sondern als eine Ort, wo man durch Pflege und auf Nachhaltigkeit bedachtes Handeln Arbeit und Einkommen schaffen kann. In einem begrenzten Küstengebiet wurden neben anderen Maßnahmen vor allem folgende, eigentlich sehr selbstverständliche Dinge in die Tat umgesetzt: Es wurden die Mindestgrößen rigoros eingehalten, tragende, weiblich Tiere wieder ins Meer gegeben und Schutzzeiten, in denen nicht gefischt werden darf, wirklich respektiert und kontrolliert.

Die Ergebnisse waren so erfreulich, dass die kleine Kooperative von sich reden und auch Schule machte.

2010 nämlich hat das sardische Landwirtschaftsministerium per Dekret („Programma di ripopolamento attivo dell’aragosta rossa (Palinurus elephas)“) weitere 13 Schutzzohnen eingerichtet, in denen nach den Erfahrungen der Fischer von Su Pallosu gearbeitet werden sollte. Ob das Programm, dass einen Laufzeit von knapp drei Jahren hatte, die gewünschten Ergebnisse gebracht hat, war selbst bei intensiven Recherchen im Netz nicht zu erfahren. Veröffentlichungen dazu scheint es nicht zu geben. Die Iniziative in Su Pallosu aber ist weiterhin auf Erfolgskurs. Das zeigt deutlich das kleine, fünfminütiges Video, der nationalen Tageszeitung Corriere della Sera, dass oben anzuschauen ist. Darin wird nicht nur freudig berichtet, dass sich bis zu dem Zeitpunkt (Ende 2013) die Biomasse an Langusten vor Su Pallosu um 550 Prozent erhöht hat. Der Initiator der Erfolgsstory Gianni Usai zieht auch ein sehr grundsätzliches Fazit aus den Erfahrungen des Projekts: „Jetzt sind die Fischer endlich dabei zu begreifen, dass man von Plünderern zu ‚Landwirten‘ des Meeres werden kann.“

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Salvatore, Fischer und Koch, zeigt seinen Gästen stolz zwei prächtige Exemplare der köstlichen sardischen Langusten.

Die positiven Folgen eines solchen Umdenkens spüren vor allem die Mensch vor Ort. Sie haben wieder Arbeit und Einkommen. Und sie können wieder ab und zu die herrlichen Langustengerichte genießen, für die die sardische Westküste so lange berühmt war. Letzteres können auch die Touristen wieder, ohne allzu tief in Pretoria greifen zu müssen. Ein hervorragende Adresse dafür ist das kleine Lokal „PescaTore“ in dem unweit von Su Pallosu gelegenen Ort Mandriola. Dort kocht Salvatore Marongiu, der selbst Fischer ist und das auf den Tisch bringt, was er fängt oder von seine Kollegen bekommt. Auf Vorbestellung bereitet er ( natürlich nur außerhalb der Schutzzeit, die von 1. September bis zum 28. Februar angesetzt ist) auch ein fantastisches Langustenessen vor, das nicht nur kulinarisch ein Hochgenuss ist, sondern auch zu durchaus erschwinglichen Preisen angeboten wird.

Text: Hans-Peter Bröckerhoff

PS: Unter den zahlreichen Zubereitungsarten ist eine die wohl beliebteste, die gekochte Languste mit einer kleinen Salsina aus Öl und Zitronensaft oder Essig. Hier geht es zum Rezept.

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Hiervon werden vier Personen bei Salvatore in seinem Ittitourismo „PescaTore“ gut satt. Und schmecken tut’s vorzüglich.

 

 

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