„Panada on the road“ – anthropologische Entdeckungsreise zu einem Juwel der sardisch-mediterranen Ernährung

Interview mit der Anthropologin Veronica Matta, die gerade dabei ist ihre Forschungsarbeit zu "sa panada" abzuschließen.

 

Veronica Matta (l.) bei einer der Tagungen zum Thema Panada mit dem Arzt und Präsidenten des Forschungszentrums zur Ernährung der Hundertjährigen Roberto Pili

Veronica Matta hat sich, wie wohl niemand anderes bisher, mit der Panada, diesem traditionellen und sehr ungewöhnlichen sardischen Gericht beschäftigt, das so etwas wie ein mit essbarer Topf aus Brotteig ist, in dem unterschiedliche Zutaten gebacken werden. Die Anthropologie und Journalistin erzählt von ihrer Forschungs-Reise, die sie, im übertragnen wie im wörtlichen Sinne, durch Sardinien und nach Spanien geführt hat – immer auf der Suche nach den Ursprüngen, den Ausformungen und der kulturellen Bedeutung dieses sardischen und mediterranen Gerichtes.

 

 

Veronica Mattas Vater bei der Herstellung der Kanadas di Assemini.

Frage: Wie und warum kam es zu der Idee, sich so intensiv mit der Panada zu beschäftigen?

Veronica Matta: Sie ergab sich aus der Betrachtung der Vielfalt der Panadas und aus dem Entschluss und der Bereitschaft, „ins Feld zu gehen“ also vor Ort nachzuforschen, um Ähnlichkeiten und Unterschiede eines uralten und sehr traditionellen Gerichtes zu erkunden. So entstand diese „Reise“, die zunächst vom Süden in den Norden Sardiniens führte und dann über die Grenzen nach Spanien. Dass die Reise in Assemini, der alten Stadt des Töpferhandwerks, die heute zum Einzugsgebiet, zur sogenannten „Metropolitan City“, von Cagliari gehört, ist kein Zufall. Denn dort bin ich gemeinsam mit meinen beiden Brüdern im Familienrestaurant „Sa Panada“ aufgewachsen – umgeben von den Gerüchen der Speisen, der anheimelnden Stimmung an den Tischen und der Anspannung in der Küche. Dort lernte ich, zuerst mit der Nase und dann mit dem Mund zu essen, und entdeckte sehr schell, dass die Gerüche der Speisen die Seele erwärmen.

Sie haben also die Panada-Tradition selbst intensiv erlebt, eine enge persönliche Beziehung zu diesem einzigartigen Gericht entwickelt. Wie kam es dann dazu, sich auch wissenschaftlich mit dem Thema Panada zu beschäftigen?

Der „Weg der Panada“ in Sardinien, An diesen drei Orten hat die Plandada eine besonders große Bedeutung und Tradition.

Aus der Idee, die antike Tradition der „sa panada“ zu bewahren und neu zu beleben, entstand zunächst ein Projekt mit Schulkindern, die im Rahmen von speziellen Veranstaltungen in einem spielerischer Koch-Wettstreit die Panada-Herstellung kennen lernen konnten. Dann wurde unter dem Titel „S‘ iscola de sa panada“ (Die Reise der Panada) eine Veranstaltungsreihe gestartet, um die unterschiedlichen Wissensbereiche bezüglich der Panada auszuloten. Hier wurden Experten der Genetik und der Anthropologie,Gastronomen und Köche, Philosophen, Historikern, Soziologen und „Genuss-Archäologen“ an einen Tisch und in den Dialog gebracht. Die erste Veranstaltung fand in Assemini statt. Von dort ging es ging es weiter nach Cuglieri, dem Zentrum der alten Montiferru-Region in der Provinz Oristano, und nach Oschiri am Fuße des Monte Limbara, in der Provinz Sassari. Dieser Weg über die Insel zu den Hauptorten der Panada-Herstellung und -Tradition in Sardinien brachte viel Wissen und Erfahrung zusammen. Es gelang zu beschreiben und zu analysieren, wie die Panada Teil der traditionellen Küche und Kultur Sardiniens geworden ist.

Was waren dann die Gründe für Ihre Reise nach Spanien? 

Die „Jungfrau der Panada“ wird auf den Balearischen Inseln verehrt.

Ich stellte mir folgende Fragen: Wie weit ist eiendlich die Panda selbst bisher „gereist“? Hat sie wirklich nur in diesen drei sardischen Orten und ihrem Umfeld eine solch große Rolle in der Ernährungsgeschichte gespielt? Bei der Suche nach Antworten stieß ich auf einen Marienkult in Spanien, auf den Balearen, der „Nuestra Señora de la Panada“ gewidmet ist. Der führte mich nach Spanien, wo ich viele neue Erkenntnisse gewinnen konnte, denn auch dort hat die Panada eine vielfältige Tradition.

Wer hat die Studien zur Panada finanziert?

Sie wurde vom Kulturverein „Sa Mata – Baum der Ideen“, den ich leite, selbst finanziert und durch Einnahmen bei den jeweiligen Aktivitäten. Das Vertrauen der Vereinsmitglieder und viel ehrenamtliches Engagement ermöglichten es, dieses Abenteuer zu beginnen.

Und welche Ergebnisse haben die Studien bisher hervorgebracht?

Zumindest führen Versuche, Traditionen aus der Erstarrung herauszuholen, in die sie fallen, wenn sie vor allem im Rahmen von Volksfesten oder religiösen Rieten weiter leben, und sie wieder zum wirklichem Leben zu erwecken, zu einem bewussteren Sicht der Dinge. So auch hier. Die Dinge werden gedanklich wieder in Ordnung gebracht. Ordnung zu schaffen, ist ein Wert an sich, vor allem in einer Welt, in der man mit Informationen und Daten bombardiert wird, und man oft nicht die Zeit und die Möglichkeit hat, diese zu analysieren und zu neuen Erkenntnissen zusammen zu führen. Aber es gibt natürlich auch eine Vielzahl konkreter Ergebnisse und Erkenntnisse unserer Feldstudien. Diese werden im Rahmen einer internationalen Konferenz bekannt gegeben. Sie wird im April 2018 in Assemini gemeinsam mit Wissenschaftlern von der iberischen Halbinsel stattfinden, die den letzen Teil der „Panada-Forschungs-Reise“ begleitet haben. Dort werden vor allem zwei interessante Hypothesen diskutiert werden. Ich gehe davon aus, dass diese gemeinsame Betrachtung und Einschätzung der alten mediterranen Küchentradition Panada zu Erkenntnissen führen wird, die den Sarden und Sardinien gut tun werden.

Veronica Matta bei dem Familienbetrieb von Tomeu Arboga in Palma de Maiorca, wo in alter Tradition Panadas hergestellt werden.

Wie werden die auf der „Reise in die Welt der Panada“ gewonnenen Erkenntnisse einem breiten Publikum zugänglich gemacht?

Zur Zeit wird an der Veröffentlichung eines Buches gearbeitet, das von unserem Kulturverein „Sa Mata“ herausgegeben wird. Es wird den Titel „Panada on the road – Anthropologische Reise zu einem Juwel der sardisch-mediterranen Ernährung“ tragen und die Inhalte und Ergebnisse der verschiedenen wissenschaftlichen Konferenzen in Sardinien enthalten. Das Buch wird ins Sardische, Spanische und Katalanische übersetzt und in Sardinien und in Spanien veröffentlicht werden. Außerdem wäre das Thema sicherlich eine gute Basis für eine schöne ethno-anthropologische Film-Dokumentation über die Wiederbelebung und Weiterführung von Traditionen. Mal sehen, ob auch ein solches Film-Projekt möglich werden wird.


Weitere Info:

Ein großer Beitrag zu den Panadas auf dieser Website

Ein deutschsprachiges Video über die Herstellung der Panada di Assemini


Das Interview wurde von Gianmarco Murru geführt und auf der Website www.mediteraneaonline.eu veröffentlicht. Hier der Link zur italienischen Fassung: (http://www.mediterraneaonline.eu/panada-on-the-road-viaggio-antropologico-sul-gioiello-della-dieta-sardo-mediterranea-2)

Diese teils zusammengefasste und gekürzte deutsche Fassung wurde von Hans-Peter Bröckerhoff erstellt.

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