Sant’Antonio in Mamoiada – Große Feuer, traditionelles Gebäck, reichlich Wein und gelebte Tradition

Fast jedes traditionelle Fest in Sardinien hat auch seine kulinarischen Aspekte. So auch das Fest zu Ehren des heiligen Antonius (Sant’Antonio Abete) am 16. und 17. Januar. Hier stehen zwar die großen Feuer im Mittelpunkt, die in den Dörfern entzündet werden. (Mehr Infos dazu gibt ein ausführlicher und lesenswerter Beitrag auf dem Sardinien-Reiseblog “pecora nera”.) Aber zu den Protagonisten des Festes gehören oft auch ganz spezielle Köstlichkeiten – vor allem der örtliche Wein und Gebäck, welches seit Generationen zu dieser Gelegenheit gebacken wird.

Zu den wichtigsten und imposantesten Ausprägungen dieses Winterfestes, das in vielen Dörfern der Insel gefeiert wird, gehört zweifelsohne die Festa di Sant’Antonio in Mamoiada. Hier gibt es eine Besonderheit, die dem Antoniusfest noch ein ganz spezielle Note gibt: Die vom Karneval in Mamoiada bekannten Mamuthones und Issohadores treten zum ersten Mal im Jahr mit ihren traditionellen Masken und Kostümen auf und besuchen, begleitet vom dem rhythmischen und eindringlichen Klang hunderter Schafs-Glocken, die zahlreichen Feuer im Dorf und führen dort ihren typischen “Tanz” auf. Das folgende Video von der Facebook-Seite des Reiseblogs “pecora nera” zeigt eine solche Tanzszene beim diesjährigen Sant’Antoniusfest.

Cannonau und Dolci tipici per Sant’Antonio

In Mamoiada ist der Wein, der zum Fest gehört, natürlich zu allererst der Cannonau. Schließlich ist die Gegend rund um das Barbagia-Dorf eines der zentralen Anbaugebiete des wichtigsten sardischen Rotweins. Wenn die Mamuthones und Issohadores ihren archaischen Tanz beendet haben, wird ihnen, bevor sie zum nächsten Feuer weiter ziehen, ein Gläschen Cannonau angeboten, und den Besuchern des Feuers auch. Dafür sorgen die Nachbarschaftsgemeinschaften aus den jeweiligen Quartieren im Dorf, wo die Feuer brennen und die für zwei Tage Treffpunkte der Dorfgemeinschaft und der immer zahlreichen Gäste sind.

Die Mamuthones sind endlich da und haben ihren Tanz um das Feuer beendet. Jetzt gibt es ein Gläschen Cannonau, oft aus eigener Produktion.

Noch wichtiger als der Wein ist das für das Sant’Antoniusfest typische Gebäck, das an den Feuern verteilt wird und auch ansonsten an den zwei Festtagen in Mamoiada allgegenwärtig ist. Auch dieses Gebäck bietet in der Regel die Nachbarschaftsgemeinschaft, die auch das Feuer betreut, an.

Hier werden zwei der vier für Sant’Antonio typischen Plätzchen-Sorten angeboten: Coccone i Mele und Papassinu Biancu.

Vier Sorten Dolci (Plätzchen) für Sant’Antonio

  • Da sind die Pappasini, die in anderen Orten Sardiniens traditionell für Allerheiligen und Allerseelen gebacken werden, mittlerweile aber auf der gesamten Insel das ganze Jahr über zu bekommen sind. Hier wird dieses Gebäck Papassinu Biancu (im Bild unten links) genannt, denn es gibt auch noch das Pappasinu Nigheddu (schwarzes Pappasinu).
  • Das Papassinu Nigheddu (im Bild unten am oberen Korbrand) ist ein völlig anderes Gebäck als das Papassinu Biancu. Es wird mit Sapa, zu Sirup eingekochtem Weinmost, hergestellt. In anderen Gegenden der Insel ist es in anderer Form aber mit ähnlichen Zutaten als Pan di Sapa bekannt. Gemeinsam sind beiden Gebäcksorten die Rosinen, auf die die Bezeichnung Papassinu zurückzuführen ist.
  • Die dritte Gebäcksorte, die Caschettas, ist eine, die ebenfalls in anderen Gegenden der Insel zu finden ist. In Mamoiada ist es die Version mit einer Mandel-Honig-Füllung (im Bild in der Mitte) Manchmal findet man es auch mit einer dunklen Mandel-Sapa- Füllung.
  • Das vierte Gebäck schließlich gehört voll und ganz zu Mamoiada. Es ist eine Art süßes Brot und nennt sich Cocchoi i Mele. Der Name bezieht sich, wegen der gelben Farbe, auf Honig. Dieser ist jedoch gar nicht enthalten, stattdessen reichlich Safran. Dieser Safran wird übrigens im Dorf selbst angebaut und kommt nicht aus einem der Zentren der sardischen Safranproduktion im Campidano. Er wird insbesondere für diese Süßigkeiten (auch die Caschettas enthalten Safran) produziert.
Diese “Dolci tipici per Sant’Antonio” hat die Konditorin Rina Congiu in ihrer Pasticceria ANTICHI SAPORI in Mamoiada hergestellt. Sie schmecken nicht nur am Feuer mit einem Gläschen Cannonau.

Meist von den Frauen des Quartiers selbst gebacken

Diese Dolci sind für die Einwohner von Mamoiada so wichtig, dass sie immer noch von vielen Hausfrauen selbst gebacken werden. In einer italienischsprachigen Facebook-Gruppe berichtet einen Frau aus Mamoiada, Pasqulina Floris, dass sie in diesem Jahr eigentlich keine Lust gehabt habe, den sehr aufwändigen Papassinu Nigheddu herzustellen. Aber dann habe sie sich doch wieder durchgerungen und sei sehr glücklich darüber. Das Bild unten, das sie freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, zeigt ihr Ergebnis. Aus diesem großen “Kuchen” werden dann Rhomben oder Scheiben zum Verteilen geschnitten. 

Der noch nicht zerteilten Papassinu Nigheddu, gebacken von von Pasqualina Floris aus Mamoiada für Sant’Antonio.

Auch im historischen Gedächtnis der Dorfes spielen die vier Süßigkeiten eine besondere Rolle. Deshalb gibt es in dem kleinen, sehr sehenswerten, Museum der Alltagskultur in Mamoiada (Museo della Cultura e del lavoro) auch einen interessanten Film zu sehen, der die Herstellung der Plätzchen zeigt.

Im Museum zeigt ein kleiner Film, wie die Dolci für Sant’Antonio hergestellt werden, hier eine Caschetta.

Nicht nur Wein und Süßigkeiten

Es gibt noch andere kulinarische Traditionen in Mamoiada, die mit Sant’Antonio, insbesondere mit dem Beisammensein am Feuer verbunden sind. So wird des Öfteren am Feuer Casu arrostu, gegrillter Käse (siehe Bild unten), zubereitet und mit einem Glas Wein und etwas Pane Carasau genossen. Dieser geschmolzene junge Schafskäse ist sehr lecker und schmeckt natürlich auch zu anderen Gelegenheiten gut. Teils legen die Leute auch Kartoffeln unter die Glut, um sie dann später, wenn nochmals Appetit aufkommt, herauszuholen, zu pellen und zu verspeisen. Früher wurde auf Feuer auch gemeinsam das Hirtengericht Pecora in Capotto (gekochtes Schafsfleisch mit Kartoffeln und Zwiebeln) gegessen. Heute trifft sich die Nachbarschaftsgemeinschaft dafür meist in den umliegenden Privathäusern. Wahrscheinlich sind mittlerweile auch zu Sant’Antonio schon so viele Touristen an den Feuern, dass sie nicht mehr im großen Stil mit verköstigt werden können. Auch wenn sie natürlich weiterhin willkommen sind und freundlich aufgenommen werden.

Pecorino vor Feuer
Wenn der junge Pecorino (hier ein Fiore Sardo vom Schäfer Mattia Moro aus Mamoiada) vor dem Feuer schmilzt und der geschmolzene Käse auf ein Stück Pane Carasau gestrichen wird, entsteht eine leckere kleine Zwischenmahlzeit.

Persönliche Anmerkung des Autors

Den Karneval in Mamoiada kannte ich bereits und damit auch die Mamuthones mit ihren eindringlichen Schafsglocken und die Issohadores mit ihren Lassos. Dennoch war es noch einmal ein ganz neues Erlebnis, das Fest des Heiligen Antonio in Mamoiada mitzuerleben. Auch wenn mittlerweile zu diesem Fest – wie auch zum Karneval – Besucher von nah und fern kommen, ist es doch noch ein echtes Fest der Dorfbewohner. Es hat noch sehr viel von seiner Ursprünglichkeit behalten. Es geht um Tradition und darum, diese auch heute noch zu leben. Das, was hier geschieht, ist noch keine Folklore, sondern immer noch ein großes gemeinsames Feiern der Dorfgemeinschaft mit den Besuchern. Einen kleinen Eindruck gibt die nachfolgende Bildergalerie.

Impressionen von Sant’Antonia Abete in Mamoiada 2020

Info

Wer nach Mamoiada kommt sollte unbedingt das Museo delle Maschere del Mediterraneo besuchen. Das Museum ist auch so etwas wie ein Informationszentrum für die beiden anderen Museen und weitere mögliche Aktitvitäten. Hier der Link zur (mit Google-Translate übersetzten) deutschsprachigen Website, auf der auch die anderen Museen verlinkt sind: http://www.museodellemaschere.it/index.htm#.Xig2-i2bpTY

Text: Hans-Peter Bröckerhoff

Fotos: Hans-Peter Bröckerhoff, Pasqualina Floris (Papassinu Nigheddu)

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