Seeigel auf Sardinien: Wie ein kulinarischer Genuss den Bestand einer Art bedroht und was jetzt getan werden muss

Seeigel auf Sardinien – Ein kulinarisches Highlight Sardiniens wird zur Gefahr für den Bestand der Seeigel-Population vor Sardiniens Küsten. Und das bringt wiederum die Delikatesse selbst in Gefahr. Die Seeigel-Eier sind diese Delikatesse, roh, direkt aus den geöffneten Schalen verzehrt ebenso wie zu einer Spaghetti-Soße verarbeitet. Vor allem in der Insel-Hauptstadt Cagliari, aber nicht nur dort, eine beliebte Delikatissekamen die Spagetti ai Ricci di mare in vielen Restaurants und oft auch in den Haushalten auf den Tisch. Das hat sich deutlich geändert.

Schon vor ein paar Jahren gab es eine Initiative von Restaurants auf dieses Gericht zu verzichten und auch den Versuch , ein Fangverbot durchzusetzen. Ich habe damals darüber berichtet. Da diese Initiativen und Bemühungen, das Problem der immer kleiner werdenden Seeigel-Populationen nicht gelöst hat, besteht weiterhin Handlungsbedarf.

Die sardische Food-Journalistin und Fernsehmoderatorin Giulia Salis hat dazu vor Kurzem im italienischen Genussmagazin Gambero Rosso einen sehr guten und differenzierten Artikel veröffentlicht. Der hat mir so gut gefallen, dass ich die Kollegin um Erlaubnis gefragt habe, ob ich ihren Artikel übersetzen und für die interessierten deutschsprachigen Leser auf sardinien.auf-den-tisch.eu veröffentlichen darf. Sie hat nach Rücksprache mit dem Gambero Rosso zugestimmt. Ich danke sowohl Giulia Salis als auch der Redaktion des Gabero Rosso für Zurverfügungstellung des Textes.

Hans-Peter Bröckerhoff

Hier der sehr lesenswerte Artikel zu dem Problem der Seeigel auf Sardinien:

Spaghetti mit Seeigeln drohen zu verschwinden: Was wirklich in Sardinien vor sich geht

Weniger Seeigel-Fischer, schwindende Bestände und neue Vorschriften: Der Seeigel-Fang in Sardinien steht zunehmend im Spannungsfeld zwischen Umweltschutz und wirtschaftlichem Überleben

Von Giulia Salis


Brutzelndes Öl in der Pfanne, eine Knoblauchzehe, ein paar gute, saftige Kirschtomaten für die besonderen Genießer, eine Handvoll frischer Petersilie und schließlich die Seeigel-Eier, cremig und umhüllend, wie es nur sie es sein können. Das ist die Beschreibung eines der typischsten Gerichte Cagliaris, der Spaghetti mit Seeigeln. Denn für die Einwohner Cagliaris ist der Seeigel ein heiliges Nahrungsmittel, fast so wie das Pferd (die Wahl zwischen den beiden fällt schwer). Der Überlieferung zufolge werden Seeigel in den Monaten mit dem Buchstaben „R“ gegessen. Und bis vor wenigen Jahren war es üblich, entlang der Strassen „Ricciai“ (Seeigelverkäufer) anzutreffen: Man konnte dort ein Glas mit schon ausgelösten Eiern kaufen oder ein Dutzend ganze Seeigel, deren Eier man einfach so mit dem Löffel isst. (Ja, sie werden im Dutzend, im Vielfachen von zwölf verkauft).

Es gibt jedoch Zeiten, in denen das Meer reichlich gibt, und andere, in denen es nach einer Pause verlangt. Und der Seeigel-Fang auf Sardinien befindet sich heute genau zwischen diesen beiden Extremen: zwischen dem, was von einer tief verwurzelten wirtschaftlichen und gastronomischen Tradition geblieben ist, und der immer offensichtlicher werdenden Notwendigkeit, mit einer Ressource hauszuhalten, die nicht unendlich ist.

Rückgang der Zahl der Fischer in den letzten Jahren

Beginnen wir mit den Zahlen. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Fischer, die eine Lizenz zum Tauchen nach Seeigeln besitzen, drastisch gesunken: von etwa 180–190 auf etwas mehr als 60 aktive Fischer. Ein Rückgang, der nicht auf einen einzigen Faktor zurückzuführen ist, sondern auf eine Reihe von Dynamiken: geringere Rentabilität, strengere Vorschriften, die körperlichen Strapazen einer Arbeit, die ständiges Tauchen erfordert, und vor allem eine immer ungewissere Verfügbarkeit der Ressource.

Denn letztlich ist genau das der springende Punkt: Es gibt weniger Seeigel. Dazu gibt es kein einheitliches und endgültiges Bild, doch die letzten Jahre zeugen von einem deutlichen Rückgang in verschiedenen Gebieten der Insel. Ein Rückgang, der unterschiedliche Ursachen hat: Fischereidruck, Klimawandel, Veränderungen der marinen Ökosysteme. Der Seeigel hat einen langsamen Lebenszyklus: Es dauert Jahre, bis er geschlechtsreif ist. Das bedeutet, dass sich jedes Ungleichgewicht, jede Überfischung, erst langfristig auswirkt und nur schwer wieder auszugleichen ist.

Andrea Abis, der Bürgermeister von Cabras, sagt es ganz offen: „Die wissenschaftlichen Ergebnisse der letzten Jahre zeigen uns eine Situation, die sich zunehmend verschlechtert.“ Im Meeres-Schutzgebiet vor der Küste von Cabras, ist das Sammeln von Seeigeln aufgrund nationaler Vorschriften, die Fischerei in Schutzgebieten verbietet, schon seit Langem untersagt. Doch außerhalb dieser Grenzen bleibt das Problem weiterhin bestehen. „Wir sprechen hier von einem Naturprodukt. Es wäre unvernünftig, es zum Aussterben zu bringen, aber wir nähern uns dem sehr“, fügt Abis hinzu.

Doch wenn es um Fischerei geht, ist ein Stopp nie nur eine Umweltfrage. Hinter jedem Seeigel steht eine kurze, aber konkrete Wertschöpfungskette mit Fischern, Bootsführern, Genossenschaften und Familien. Ein wirtschaftliches System, das, wenn auch in kleinerem Umfang, weiterhin existiert und von dieser Art von Fischfang abhängt. Hier wird die Sache kompliziert. „Das Problem ist, dass kein Mechanismus geschaffen wurde, der es den Akteuren ermöglicht, nicht zu fischen“, erklärt Mauro Steri, Verantwortlicher für Fischerei und Aquakultur bei der Legacoop Sardegna.

Eine zunehmend unsichere Ressource

Die Frage ist nicht nur, ob die Seeigel-Fischerei eingestellt werden soll oder nicht, sondern wie dies geschehen soll. Denn eine vollständige Einstellung ohne Ausgleichsmaßnahmen birgt die Gefahr unmittelbarer sozialer Kosten. Einige bisherige Seeigel-Fischer üben bereits andere Tätigkeiten aus, andere nicht. Einige könnten sich neu orientieren, andere kaum. „Wir sprechen hier von Fischern, die manchmal auch in einem Alter sind, in dem eine Neuorientierung schwierig ist“, fährt Steri fort und bringt damit ein oft vergessenes Element ins Spiel: die soziale Verträglichkeit des Übergangs.

Es liegen verschiedene Optionen auf dem Tisch: die Stilllegung von Lizenzen, Anreize zur Umschulung, die Einbindung in wissenschaftliche Überwachungsaktivitäten, die Entwicklung von Formen der Aquakultur oder des Fischereitourismus. Ein Paradigmenwechsel, der nicht nur die Seeigel-Fischerei betrifft, sondern das Modell der Küstenfischerei an sich.

Umschulung, Anreize und neue Aktivitäten

In der Zwischenzeit hat sich die Region Sardinien für einen Mittelweg entschieden, mit strengen Vorschriften: kürzere Fang-Saisonen, Mengenbeschränkungen, obligatorische Rückverfolgbarkeit. Ein System, das zumindest formal jede Phase der Entnahme kontrolliert. „Das Produkt wird bis zur Quelle zurückverfolgt. Es durchläuft Verteil-Zentren, wird vermessen und registriert.“ Mit diesen Worten spricht der Landwirtschaftsminister der Region, Francesco Agus, eine mögliche Lösung durch gesetzliche Regelungen an. „Die Fischer melden, wo sie tätig sind und wie viel sie fangen. Das System funktioniert heute.“ Dennoch räumt Agus selbst ein: „Das Problem ist ein grundsätzliches: Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem laut Experten selbst eine geringe Entnahme nicht mehr ratsam wäre.“ Ein Satz, der den Schwerpunkt der Diskussion verlagert: Es geht nicht mehr nur darum, wie gefischt wird, sondern ob das Fischen überhaupt noch nachhaltig ist.

Hier kommt das Thema der biologischen Schonzeit ins Spiel. „Wir denken über Maßnahmen nach, die es ermöglichen, die Seeigel-Fischerei für einige Jahre einzustellen“, erklärt Agus, „aber die Schonzeit allein reicht nicht aus: Wir müssen auch an der Bestandsaufstockung und vor allem an Unterstützungsmaßnahmen für die Fischer arbeiten.“ Denn ohne ein soziales Sicherungssystem besteht ein doppeltes Risiko: Es bringt die Fischer in soziale Nöte und löst gleichzeitig das Umweltproblem nicht. „Wenn wir das nicht tun, riskieren wir, das, was wir an Seeigeln schonen, durch unkontrollierte, illegale Fischerei wieder zu verlieren.“

Verantwortung auch auf Seiten der Konsumenten

Und genau hier liegt der eigentliche Knackpunkt. Denn während die offizielle Lieferkette immer stärker reguliert wird, besteht auf der anderen Seite weiterhin eine schwer einzugrenzende Grauzone. Illegale Fischerei ist kein neues Phänomen, doch heute gewinnt sie eine andere Bedeutung, da sie ein schon ohnehin fragiles System belastet. Illegale Fischerei, nicht rückverfolgbarer Verkauf, Produkte, die sich den Kontrollen entziehen. Ein Schattenmarkt, der die Nachhaltigkeit der Ressource gefährdet und gleichzeitig den Markt verzerrt, wodurch reguläre Akteure an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Der Fokus verlagert sich daher unweigerlich auch auf den Konsum. Denn Seeigel sind nach wie vor gefragt, in Restaurants und darüber hinaus. Und für den Gast am Tisch ist es nicht einfach, zwischen legalen und illegalen Produkten zu unterscheiden.

Vielleicht gibt es nur eine Lösung, und zwar eine umfassende Verantwortung, also nicht nur seitens der Institutionen oder der Fischer, sondern auch seitens derjenigen, die kaufen und konsumieren. Ein Thema, das auch in den Worten von Agus anklingt, wenn er betont, dass „das Einzige, was wirksam sein kann, darin besteht, dass das Produkt für einige Jahre nicht auf dem Markt existiert“. Eine radikale Hypothese, die das Konzept einer mehrjährigen Schonzeit wieder in den Mittelpunkt rückt.

In der Zwischenzeit verändert sich das Meer weiter. Die Temperaturen steigen, das biologische Gleichgewicht verschiebt sich, die Arten reagieren auf nicht immer vorhersehbare Weise. Und so wird die Frage des Seeigel-Fangs auf Sardinien zu mehr als nur einem Problem der Branche. Sie ist eine Art Linse, durch die man das Verhältnis zwischen natürlichen Ressourcen, Wirtschaft und Konsum betrachten kann. Ein fragiles Gleichgewicht, das sich nicht mit einer einzigen Maßnahme lösen lässt, sondern mit einer Reihe von Entscheidungen, die teils von Opfern geprägt sind. Auch wenn wir entscheiden, was wir auf den Teller bringen.

Text: Giulia Salis, Food-Journalistin und Fernsehmoderatorin beim sardischen Sender Videolina, wo sie die tägliche Sendung „Oggi al Mercato“ (Heute auf dem Markt) moderiert.

Hier auch der Link zur FB-Seite von Giulia (Jules) Salis, wo sie auch ihre verschiedenen Artikel vorstellt:

Im italienischen Original erschienen am 14. April 2026 auf www.gamberorosso.it

Übersetzung und Fotos: Hans-Peter Bröckerhoff


Nachtrag

Im obigen Artikel von Giulia Salis über die Seeigel auf Sardinien wird auch das Problem der illegalen Seeigel-Fischerei angesprochen. Nur kurz nach dem Erscheinen des Artikel meldete die Nachrichtenagentur ANSA, dass zwei Männer beim illegalen Fischen in der Meeresschutzzone (Area Marina Protetta) vor der Sinis-Halbinsel (auch im Artikel erwähnt) erwischt wurden, die den Ermittlungen der Polizei zufolge in nur vier Monaten 70.000 Seeigel illegal gefischt und vermarktet haben. Unten der Link zum Artikel.

https://www.ansa.it/sardegna/notizie/2026/04/22/due-indagati-per-la-pesca-abusiva-di-70.000-ricci-di-mare-nel-sinis_3a1dde0b-84e7-4ae6-8ca7-bd6b5e274da6.html

Hinweis

Mit der Thematik Seeigel auf Sardinien habe ich mich auf der Website schon vor ein paar Jahren beschäftigt. Dazu zwei Links:

Artikel zu einer Initiative von Restaurants, die auf die Spaghetti ai Ricci verzichte wollten, um die Seeigel auf Sardinien zu schonen: Lasst die Seeigel im Meer! – Verzicht und „Fake“-Gerichte zum Schutz einer Delikatesse

Rezept einer Alternative zu den Spaghetti ai Ricci, die mit Miesmuscheln und Ei hergestellt wird und durchaus lecker schmeckt: Il riccio è un capriccio – „Fake“-Rezept der Pasta ai ricci (Nudeln mit Seeigeleier) zum Schutz der bedrohten Seeigel

_____________________________

Bleiben Sie mit dem überarbeiteten und kostenfreien Newsletter auf dem Laufenden!

Hier die Rubriken im neuen Newsletter:
- Aus HPs sardisch-kulturellem Tagebuch
- Neu auf der Website
- Saisonal und regional genießen
- Kulinarisch-kultureller Ausflug
- Kulinarische Mitbringsel aus Sardinien
- Aus der sardischen Weinwelt
- Im Netz gefunden
- Ein Rezept (auch) für zu Hause

Wollen Sie erst einmal frühere Newsletter ansehen klicken Sie hier! 

Oder tragen Sie sich direkt kostenfrei in die Newsletter-Liste ein:

Das könnte Sie auch Interessieren

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Anzeige

Neu oder aktualisert

Anzeige